Lernkulturen in der Digitalität
Lektion

Das Thema Fake News ist in der Grundschule über die Medienbildung hinaus mit vielen Unterrrichtsthemen und Fächern vernetzbar. So weist die GDSU in ihrem, für den Sachuntericht herausgegebenen Perspektivrahmen darauf hin, dass Kinder „eigene mediengestützte Beiträge und Inter- oder intranetgestützte Foren gestalten und die Reichweite und Veränderbarkeit von Medien und deren Inhalten […] erkennen“, sowie  die „Chancen und Gefahren der medialen Verbreitung von Informationen und persönlichen Daten einschätzen und einen Umgang in Bezug auf verschiedene Medienträger entwickeln“ sollten (GDSU 2013, S. 85 f.).

Der Bildungsplan für das Fach Sachunterricht an Grundschulen argumentiert ähnlich. In den Leitperspektiven des Faches wird von Lehrkräften gefordert, dass die „Medienbildung (MB)“ „im Sachunterricht […] integrativ verankert [sein soll]“. Ferner soll „die Reflexion eigener Medienerfahrungen und der bewusste Umgang mit vielfältigen Medien in der Schule […] eine reflektierte und verantwortungsbewusste Auswahl und Nutzung von Medien“ unterstützen (Bildungsplan BaWü GS/SU 2016, S. 4).

Medien und deren Nutzung sind im Alltag von Kindern und Jugendlichen in vielfacher Weise präsent. Kinder nutzen Medien nicht nur zur Rezeption, sondern auch zur aktiven Informationssuche und zur eigenen Produktion von Inhalten. Die verbreitetsten Medien-Geräte bei Kindern sind, der KIM-Studie 2020 zufolge, Mobiltelefone. Jedes fünfte Kind nutzt im eigenen Zimmer das Internet (vgl. Kim-Studie 2020, S. 11).  Die Suchanfragen von Kindern im Internet erfolgen „am häufigsten zu Musik, Spiele und Informationen für die Schule“, ebenso gesucht werden „Infos über Prominente […] und zum Thema Sport“ (ebd., S. 52). Zudem nutzt „jedes achte Kind […] das Internet regelmäßig, um sich Hilfe oder Rat bei persönlichen Probleme zu holen“ (ebd., S. 52)
In Bezug auf Nachrichtenformate dominieren jedoch klassische Medien. Hier ist die Familie als wichtigste Sozialisationsinstanz zu nennen: „Die Zehn- bis Elfjährigen zeigen die stärkste Affinität zum Radiohören. Radio wird vor allem im Kreis der Familie gehört und spielt eine wichtige Rolle beim Start in den Tag, beim Aufstehen und beim Frühstück“ (ebd., S. 33). Einen deutlichen Stellenwert medialer Nutzung nimmt im „Alltag der Kinder […] [zudem] das Fernsehen (94%) ein“. Dieses wird von „70 Prozent“ der Kinder „(fast) jeden Tag“ genutzt (ebd., S. 87). Der Zugang zu Nachrichtenformate erfolgt somit auch über dieses Medium: „Speziell auf Nachrichtensendungen angesprochen, geben 27 Prozent der fernsehenden Kinder an, sich diese öfters anzusehen. Das Interesse bzw. die generelle Nutzung von Nachrichtensendungen steigt mit zunehmendem Alter der Kinder deutlich an (6–7 Jahre: 15 %, 12–13 Jahre: 36 %). Wenn Kinder Nachrichten anschauen, dann sind das in erster Linie ‚logo!‘, die ‚Tagesschau‘, ‚heute’ oder ‚RTL aktuell‘“. (ebd., S. 41 f). Die gemeinsame Bewegtbildnutzung von Haupterzieher*innen und Kind beschränkt sich in der Regel dann wieder auf das Fernsehen […]. Bei der Frage, ob es Sendungen, Serien und Filme gibt, die in ihrer Familie gemeinsam gesehen werden, antworten 59 Prozent mit Ja. Hierbei spielen weder das Alter noch das Geschlecht des Kindes eine wesentliche Rolle. Inhaltlich (nur Nennungen ab vier Prozent) sind dies […] [in Bezug auf Informationsformate], Dokumentationen (6 %), Nachrichten, Shows/Unterhaltungssendungen, Sportsendungen (jeweils 5 %)“ (ebd., S. 80 f.).

Die Ergebnisse der KIM-Studie geben somit Anlass, den Begriff der ‚Fake News‘ über das Politikfeld hinaus breiter zu denken. Zwar kommen Kinder in jüngerem Alter vorwiegend über klassische Medien mit Nachrichtenformaten in Kontakt. Fake News können sich jedoch auch auf die Gebiete erstrecken, die Kinder aus eigenem Antrieb und Interesse online recherchieren. Als Rezipierende werden sie somit Teil der Medienlandschaft, auch außerhalb des klassisch politischen Felds. Wie Claire Wardle  deutlich macht, beschreibt der Begriff der ‚Fake News‘  nur unzureichend, was sich dahinter verbirgt, denn „es geht hier um mehr als nur um Nachrichten. Es geht um das gesamte Informations-Ökosytem“ (Wardle 2017).

Im Mittelpunkt dieser Betrachtungsweise steht nicht nur das Produkt, des rezipiert wird, sondern auch „die Beweggründe derjenigen, die solche Inhalte erstellen“ sowie „die Art und Weise, wie diese Inhalte verbreitet werden“. Wardle identifiziert hier „7 Arten von Fehl- und Desinformationen“, von denen im hier, exemplarisch durchgeführten ‚Fake News‘-Beispiel mittels der Website ‚Paul Newsman‘, vor allem die folgenden Aspekte zutreffen: „Betrügerische Inhalte: Quellen, die lediglich vorgeben, authentisch zu sein“, „Erfundene Inhalte: Neue Inhalte, die überwiegend falsch sind und mit der Absicht erstellt wurden, zu täuschen oder Schaden zu verursachen“, sowie „Überarbeite Inhalte: Autentische Inhalte oder Bilder, die überarbeitet wurden, mit der Absicht zu täuschen“ (Wardle 2017.)

Mit dem hier vorgestellten Beispiel der ‚Fake News‘ wird es Lernenden somit ermöglicht, dieses „Informations-Ökosystem‘ aus verschiedenen Perspektiven zu erleben: Als Produzierende erstellen sie (Des-)Informationen. Als Verbreitende leiten sie (hier exemplarisch in Form von Peer Review) ihre Produkte an Rezipierende weiter und werden selbst zu Rezipierenden, bzw. Bewertenden.
Die „aktive Welterschließung der Kinder“ kann somit „kreativ, forschend und produktiv“ (Irion; Knoblauch 2021, S. 133) erfolgen und eine „Reflexion eigener Medienerfahrungen und der bewusste Umgang mit vielfältigen Medien in der Schule“ (Bildungsplan BaWü GS/SU, S. 4) angebahnt werden.

Literatur

Gesellschaft für Didaktik und Sachuntericht (GDSU) (Hrsg.) (2013): Perspektivrahmen Sachunterricht. Vollst. überarb.und erw. Auf.. Regensburg : Klinkhard.

Irion, Thomas; Knoblauch, Verena (2021): Lernkulturen in der Digitalität. Von der Buchschule zum zeitgemäßen Lebens- und Lernraumim 21. Jahrhundert, In: Peschel, Markus (Hrsg): Kinder Lernen Zukunft. Didaktisch der Lernkulturen. Frankfurt am Main : Grundschulverband e. V.,S. 104 – 122 – 145

Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (mpfs) 2021: Kim-Studie 2020. Kinder+Medien, Computer+Internet. Stuttgart: mpfs. Online abrufbar unter: https://www.mpfs.de/fileadmin/files/Studien/KIM/2020/KIM-Studie2020_WEB_final.pdf [abgerufen am 12.07.2022].

Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (2016): Bildungsplan der Grundschule. Sachunterricht. Online abrufbar unter: https://www.bildungsplaene-bw.de/site/bildungsplan/get/documents/lsbw/export-pdf/depot-pdf/ALLG/BP2016BW_ALLG_GS_SU.pdf [abgerufen am 12.07.2022].

Peters Benedikt; Müller Helen Sophia (2020): So geht Politik! Deutschland, Europa und die Welt – und DU mittendrin!. München: Circon GmbH.

Wardle, Claire (2017): Fake News – es ist kompliziert. First Draft News. Online abrufbar unter: https://de.firstdraftnews.org/fake-news-es-ist-komplizier/ [abgerufen am 12.07.2022].

Knoblauch, Verena (2020): Tablets in der Grundschule.Hamburg: AOl-Verlag.